„Auen sind für den Rhein sehr wichtig”

Eines der weltweit artenreichsten Gebiete

„Wir leben in der Bleiregion”, sagt Heiko Kotter, der Landespflegebeauftragte für die Gemarkung Altrip. Damit spielt er nicht etwa auf die Belastung der Umwelt durch Schwermetalle an. Der Biologe, angestellt bei der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnaken (KABS) und Landespflegebeauftragter in Altrip, erzählt von einem Fisch namens Blei, der wegen seiner großen Anpassungsfähigkeit zum Leitfisch unserer Rheinregion auserkoren wurde.

Der Blei gehört zur Gattung der Karpfen. Er scheint mit den Lebensbedingungen am Oberrhein am besten klar zu kommen und ist weit verbreitet. „Er stellt nicht sehr hohe Anforderungen an Sauerstoffgehalt, Fließgeschwindigkeit und Temperatur des Wassers”, so Kotter.

Zwar habe sich die Wasserqualität in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert gegenüber den 70er Jahren mit ihrem großen Fischsterben. „Flüsse haben eine hohe Selbstreinigungskraft. Doch der Abbau von organischem Material geht auf Kosten des Sauerstoffs”, sagt Kotter. Nachdem 99 Prozent der Gemeinden inzwischen über effektive Kläranlagen verfügten, sei die organische Belastung jedoch sehr gering. Jetzt hätten auch die lachsartigen Fische wieder eine größere Überlebenschance im Rhein. „Heutzutage haben wir mehr Probleme mit chemischen Einleitungen”, kritisiert der Biologe. „Jede Kläranlage darf auch einen Prozentsatz von schwer abbaubaren Stoffen in den Fluss einleiten, und vieles davon lagert sich ab.”

Dennoch plädiert Kotter dafür, Altrheinarme wieder an den Fluss anzubinden. Im Hauptstrom des Rheins finde sehr viel mehr Wasser-Austausch statt als in den Auen. Die Altrheinarme dagegen sind schlammig, sauerstoffarm und erfahren im Sommer wie die umliegenden Seen keine Umwälzung durch Wind. Bei lang anhaltender Trockenheit wie zur Zeit sinkt auch noch der Wasserspiegel. Da besteht immer die Gefahr, dass das Gewässer kippt.

Sind Mäander einmal vom Hauptstrom abgeschnitten, versumpfen sie zunehmend, mahnt der Biologe. Laub und abgestorbene Biomasse sinken auf den Boden, die Schlammschicht wachse, der Wasserpegel sinke. Auch die beiden Auen im mittleren Landkreis Ludwigshafen, sowohl der Neuhofener als auch der Roxheimer Altrhein, verlanden.

Ein Ausbaggern des Schlamms sei aber nur bezahlbar, wenn man auch Kies abbauen würde wie im Lingenfelder Altrhein bei Germersheim. Kiesabbau wiederum ist ein tiefer Eingriff ins Ökosystem – ganz abgesehen vom Problem mit der Entsorgung des Schlamms, der als Sondermüll gelte. „Wenn der Altrhein dagegen noch an den Strom angeschlossen ist, spülen Überschwemmungen bei Hochwasser den Schlamm heraus.”

An der Prinz-Karl-Wörth-Insel hingegen muss die Zufahrt rheinabwärts für die Schiffe des Motorboot-Clubs Altrip jedes Jahr frei gebaggert werden. Stattdessen plädiert Kotter dafür, auch das andere Ende dieses Altrheinarms anzubinden, indem Rohre unter der Straße zur Fähre gelegt werden. Auch für den Rhein sind die Auen Kotter zufolge sehr wichtig. Die Altrheinarme sind wegen ihrer pflanzenreichen Uferstreifen vor allem als Kinderstube für Wasservögel und Fische essentiell, erklärt der Biologe. Außerdem sei das Wasser hier reich an Kleintieren, die den Fischen als Nahrung dienen.

Sattes Grün, Natur pur: Blick in einen Auenwald bei Altrip. | FOTO: LENZGroße Vielfalt an Biotopen

Die Rheinauen zählen zu den artenreichsten Lebensräumen weltweit, betont Eckbert Schneider vom WWF-Auen-Institut in Rastatt. Neben Vögeln, Amphibien und Fischen seien hier tausende Arten von Kleintieren heimisch. „Und viele sind an feuchte Gebiete gebunden”, erklärt der Zoologe.

Besonders die Vielfalt der Biotoparten am Rhein ist Schneider zufolge wichtig zum Erhalt der Artenvielfalt. Durch die Eindeichung und die Flussbegradigung zur Schiffbarmachung seien am Oberrhein jedoch nur noch zwei Prozent der ursprünglichen Auen erhalten geblieben. Auch die Ausdehnung der Ortschaften und der Hafenbau hat die Feuchtgebiete bis auf ganz schmale Streifen immer weiter zurückgedrängt. Da wolle die Umweltschutzorganisation World Wildlife Fund (WWF) gegen steuern.

Vier Altrheinschlingen sind im Landkreis Ludwigshafen erhalten: in Neuhofen, Roxheim, Otterstadt, Mechtersheim / Berghausen. Sie gehören zum Landschaftsschutzgebiet Pfälzer Rheinauen. Am Rhein liegen zudem die Naturschutzgebiete Prinz-Karl-Wörth, Horrn, Neuhofener Altrhein, Woog, vorderer und hinterer Roxheimer Altrhein, die Ochsenlache, der Sporen am Einfluss der Isenach, Böllenwörth, Im Wörth, Flotzgrün und Schwarzwald. In Vorbereitung ist zudem ein Schutzgebiet an der Einmündung des Rehbachs.

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 4. August 2003 | Von Birgit Möthrath)

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