Das Leben änderte sich spürbar

Ein erbitterter Kampf um jede Stimme tobte vor 70 Jahren in den Kreis-Gemeinden. Doch egal wie sich die Pfälzer bei den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 entschieden: Die Marschmusik spielte in Berlin. Zwar erhielt die NSDAP reichsweit nur 43,9 Prozent, doch das Hitlerregime schaltete systematisch nach und nach alle Gegner aus. Die Wahlen fanden „vor dem Hintergrund der in der Pfalz besonders stark spürbaren Wirtschaftskrise” statt, schreibt Michael Schepua dazu im Kreis-Heimatjahrbuch. In Mutterstadt, Lambsheim-Maxdorf und Schifferstadt waren über 25 Prozent der Bevölkerung arbeitslos. Vor 1933 war die daraus erwachsende Proteststimmung mehr der KPD zu Gute gekommen als der NSDAP.

März 1933: Eine NS-Kundgebung in Schifferstadt. | REPRO: LENZDie Arbeiterparteien machten jetzt wieder mobil, auch im 3000-Seelen-Ort Altrip. 250 Bürger hörten sich eine Rede von Herbert Müller (KPD) an, wenige Tage später mobilisierte die SPD einen Reichsbanner-Aufmarsch. Zwei Tage vor der Wahl gab's die Aufführung „Der große Verrat” durch die sozialistische Rote Welle – eine der größten Kundgebungen, die Altrip je gesehen hatte. Die NSDAP wiederum bot im hoffnungslos überfüllten „Schwanen-Saal” mit dem Thema „Unsere Wahrheit – die Lügen der anderen” den Linken Paroli. Am Wahlabend war der Katzenjammer bei allen Parteien groß. Die NSDAP wurde erstmals stärkste Kraft, blieb jedoch unter 40 Prozent. Die SPD überflügelte zwar die KPD gegenüber der letzten Wahl, blieb aber bei knapp 30 Prozent weit hinter ihrem Ziel zurück. Die KPD, zuletzt auf Platz eins, fiel auf Rang drei.

Erfolg hatte die NSDAP mit ihrer „demagogischen, modern inszenierten Massenpropaganda” (Schepua) vor allem in den protestantischen Agrargemeinden. In Großniedesheim erhielten die Hitler-Schergen 1933 zwei Drittel der Stimmen – hier stellte sie auch schon vor der Gleichschaltung den Bürgermeister. In Assenheim kamen die Braunen sogar auf 80 Prozent. Das katholische Hochdorf blieb dagegen fest in der Hand des Zentrums (61 Prozent). „Am stabilsten gegenüber dem Aufstieg der NSDAP erwies sich die katholische Stammwählerschaft von Zentrum und BVP”, so Schepua.

Wie entschlossen die NSDAP war, ihren Machtanspruch durchzusetzen, zeigte sich nach dem 5. März bei der „Gleichschaltung” der Gemeinden: „Besetzungen öffentlicher Gebäude, Flaggenhissungen, Verhaftungen, überfallartige Razzien, Dienstenthebungen schufen ein Klima der Einschüchterung”, schreibt Schepua. Den Auftakt machte die Ernennung von Franz Ritter von Epp zum Reichsstatthalter für Bayern in der Nacht vom 9. auf 10. März.

In Altrip hisste eine SA-Abteilung am 11. März vor einer großen Menschenmenge das Hakenkreuzbanner und die schwarz-weiß-rote Fahne am Rathaus. Eine Ansprache des Amtswalters der örtlichen NSDAP-Zelle, Heinrich Beysel, endete mit viel Beifall und dem Absingen des Horst-Wessel-Lieds. Noch am selben Tag wurde der Altriper KPD-Aktivist Josef Mordstein in „Schutzhaft” genommen. Wenige Tage später musste der Führer im freiwilligen Arbeitsdienst, Karl Gropp, zurücktreten, weil er in der Vergangenheit angeblich SA- und NSDAP-Leute schikaniert haben soll. Gemeinderäte von SPD, KPD und Zentrum wurden überall aus kommunalen Gremien gedrängt – in Limburgerhof änderte auch eine Sympathiebekundung der Zentrums-Ortsgruppe nichts daran.

In Altrip trat schon im Mai ein auf zehn Sitze verkleinerter Gemeinderat zusammen. Die NSDAP erhielt sechs, die SPD vier Sitze. NSDAP-Vertreter zogen bei Kerzenschein in Uniform in den geschmückten Ratssaal ein. Beim „Sieg Heil” blieben die SPD-Räte sitzen. „Eine Taktlosigkeit, wie sie übler nicht bezeichnet werden kann”, notierte der Protokollant. In derselben Sitzung stellten die SPD-Räte ihre Mandate vorbehaltlos zur Verfügung. Bald kam auch von „oben” die Weisung, Sozialdemokraten nicht mehr einzuladen. In Schifferstadt hatte Bürgermeister Isselhard (Zentrum) am 6. März noch eine Aktion von NSDAP, SA und Stahlhelm unterbunden: Die Braunen hatten nach einem Fackelzug die Hakenkreuzfahne auf dem Rathaus hissen wollen. Am 10. März wurden nach Hausdurchsuchungen bei führenden Vertretern von KPD, SPD und Reichsbanner sieben Personen verhaftet. Zehn Tage später legten die Bürgermeister ihr Amt nieder, im September folgten erste Deportationen ins KZ Dachau. In Mutterstadt wurde der SPD-Ortschef Weber für Monate in „Schutzhaft” genommen und gefoltert – er starb im selben Jahr an den Folgen.

Das Leben änderte sich spürbar. In Altrip ließ der „Kampfbund für den gewerblichen Mittelstand” den Gemeindebeschäftigten nahe legen, nicht mehr in jüdischen Kaufhäusern einzukaufen. Das Arbeitsdienstlager wurde in ein „geschlossenes Lager” umgewandelt, für die Gemeindebeschäftigten der Hitlergruß angeordnet und eine Mitgliedschaft in der SPD für unzulässig erklärt.

Altrips Bürgermeister wurde zum Befehlsempfänger. Für das Strandbad musste er ein Nacktbadeverbot verfügen. Ferner musste er sich beim Arbeitsamt für eine bevorzugte Vermittlung von 18 arbeitslosen Altriper SA-Leuten einsetzen. Zehn Arbeitervereine wurden verboten, ihr Vermögen eingezogen. Andere Vereine wurden „gleichgeschaltet”. Die Pflichtarbeit für Unterstützungsempfänger wurde rigide durch örtliche „Führer” gehandhabt. (wlf/möt)

(Quelle: DIE RHEINPFALZ - Ludwigshafener Rundschau - 5. März 2003)